Stablecoins als Käufer von US-Staatsanleihen!

(30.09.26) Wer einen Dollar-Stablecoin kauft, hält einen digitalen Token, dessen Wert möglichst dauerhaft einem US-Dollar entsprechen soll. Damit das funktioniert, muss der Herausgeber für die ausgegebenen Token geeignete Reserven vorhalten. Dazu gehören häufig kurzfristige US-Staatsanleihen. Aus einem Zahlungsmittel für die digitale Welt wird so zugleich eine zusätzliche Nachfragequelle für amerikanische Staatspapiere.

Genau diese Verbindung ist für die US-Regierung interessant. Finanzminister Scott Bessent sieht in wachsenden Dollar-Stablecoins eine Chance, die internationale Nutzung des Dollars zu stärken und zusätzliche Käufer für US-Staatsanleihen zu gewinnen. Je mehr Menschen und Unternehmen solche Token verwenden, desto größer könnten die Reserven ihrer Herausgeber werden.

Wichtig ist die Unterscheidung: Ein Stablecoin ist keine tokenisierte Staatsanleihe. Wer einen Stablecoin besitzt, hat einen Anspruch gegenüber dessen Herausgeber nach den jeweiligen Bedingungen – er besitzt dadurch nicht unmittelbar die Anleihen in dessen Reserve. Die US-Staatsanleihen liegen auf der anderen Seite des Geschäfts: Der Herausgeber nutzt sie, um die ausgegebenen Token abzusichern.

Wie aus digitalen Dollar Staatsschulden werden

Ein vereinfachtes Beispiel: Ein Kunde tauscht 1.000 US-Dollar gegen 1.000 Dollar-Stablecoins. Der Herausgeber nimmt das Geld entgegen und legt die Reserve in zulässigen, leicht verfügbaren Vermögenswerten an. Kauft er dafür kurzfristige US-Staatsanleihen, finanziert er damit mittelbar den amerikanischen Staat. Fordert der Kunde seine Dollar zurück, muss der Herausgeber die Auszahlung leisten können.

Kurzfristige US-Staatsanleihen heißen Treasury Bills oder T-Bills. Sie laufen höchstens ein Jahr und werden regelmäßig neu ausgegeben. Für Stablecoin-Herausgeber sind sie interessant, weil sie in US-Dollar denominiert sind und sich am großen US-Anleihemarkt handeln lassen. Auch für den Staat ist diese Nachfrage willkommen: Er muss fortlaufend neue Schulden platzieren und auslaufende Papiere ersetzen.

Mit dem GENIUS Act haben die USA 2025 einen gesetzlichen Rahmen für Zahlungs-Stablecoins geschaffen. Er sieht unter anderem eine vollständige Deckung durch bestimmte liquide Reserven und regelmäßige Angaben zu deren Zusammensetzung vor. Die Regeln sollen Vertrauen schaffen und die Verwendung solcher Token im Zahlungsverkehr erleichtern. Die erwartete breite Nachfrage nach T-Bills ist jedoch eine mögliche wirtschaftliche Folge – kein garantierter Effekt des Gesetzes.

Neue Käufer oder nur verschobenes Geld?

Hier liegt der entscheidende Punkt. Fließt Geld aus Ländern in Dollar-Stablecoins, das vorher nicht in US-Anleihen investiert war, können tatsächlich zusätzliche Käufer für T-Bills entstehen. Tauscht dagegen ein Anleger seinen US-Geldmarktfonds gegen Stablecoins und kauft der Herausgeber mit dem Geld dieselben Staatsanleihen, verschiebt sich vor allem der Käufer. Die Nachfrage nach US-Schulden steigt dann insgesamt kaum.

Auf diesen Unterschied weist auch ein Beratergremium des US-Finanzministeriums hin. Es hält zusätzliche Nachfrage für möglich, sieht aber ebenso den Fall, dass Stablecoins lediglich Bankeinlagen, Geldmarktfonds oder andere geldnahe Anlagen ersetzen. Wer aus einem wachsenden Stablecoin-Markt automatisch eine entsprechend große Entlastung für den US-Staatshaushalt ableitet, greift deshalb zu kurz.

Hinzu kommt ein Risiko in Stressphasen. Wollen viele Nutzer gleichzeitig ihre Stablecoins zurückgeben, brauchen die Herausgeber rasch Bargeld und könnten dafür Reserven verkaufen müssen. Gerade wenn Stablecoins einmal einen großen Teil ihrer Mittel in kurzfristigen Staatsanleihen halten, wird die Verbindung zwischen Kryptomarkt und klassischem Geldmarkt enger. Das US-Finanzministerium untersucht daher neben den Chancen auch mögliche Auswirkungen auf die Stabilität des T-Bill-Marktes.

Mein Fazit: Der Dollar gewinnt einen digitalen Vertriebsweg

Die Idee hinter der US-Strategie ist nachvollziehbar: Dollar-Stablecoins können Menschen weltweit einen einfachen Zugang zu digitalen Dollarzahlungen geben. Zugleich investieren ihre Herausgeber einen Teil der Reserven in amerikanische Staatspapiere. Der Dollar würde damit auch auf Blockchains eine zentrale Rolle spielen, während der US-Staat von zusätzlicher Nachfrage nach seinen Anleihen profitieren könnte.

Ob daraus ein großer Finanzierungsvorteil entsteht, hängt von der Herkunft des Geldes und vom tatsächlichen Wachstum der Stablecoins ab. Neue Dollar-Nachfrage aus dem Ausland wäre für die USA wertvoller als eine bloße Umschichtung bestehender Anlagen. Für Anleger bleibt außerdem wichtig: Ein Dollar-Stablecoin ist weder ein Bankguthaben noch eine direkte Anlage in US-Staatsanleihen. Wer ihn nutzt, sollte den Herausgeber, die Reserven und die Möglichkeiten zur Rückgabe prüfen.

Mehr Hintergründe unter: www.markus-miller.com

Schreibe einen Kommentar